Fatfriendly Yoga: Ein Erklärungsversuch

Anne von Bauchraum Yoga in einer Variation der Kamelposition

Häufig verwende ich Begriffe wie „fatfriendly“ oder „Plus Size Yoga“, um zu beschreiben, an welche Menschen ich mich speziell mit meinem Angebot richten möchte und gleichzeitig schon einmal einen kurzen Ausblick darauf zu geben, was einen erwartet, wenn man zu mir in eine Yogastunde kommt.

 

 

Um das noch ein bisschen mehr zu spezifizieren, möchte ich nachfolgend zunächst einmal erklären, was ich mit fatfriendly und Plus Size Yoga überhaupt meine.

Fatfriendly Yoga

 

Die Worte „dick“, „fett“ – oder im Englischen „fat“ haben in der Vergangenheit eine extrem negative Besetzung erfahren. Das merkt man daran, dass sie genutzt werden, um andere zu beschimpfen, herabzuwürdigen – oder sich selbst sehr hart zu be- und verurteilen. Wie oft habe ich schon den Satz von Freund*innen gehört „Oh Mensch, ich bin richtig fett geworden.“ Meist verbunden mit negativen Gefühlen, wie Traurigkeit, Wut, Scham und Angst. Statt diese Gefühle dann gegen eine Gesellschaft zu richten, die uns weismacht, dass man „dick“ in irgendeiner Art falsch ist (wahlweise faul, ungesund, träge, ungelenkig, unsportlich – die Liste ist beliebig fortsetzbar), werden die Gefühle gegen sich selbst gerichtet. Menschen beginnen damit, die von der Gesellschaft vermittelten (Vor-)Urteile zu adaptieren, auf sich selbst anzuwenden und geraten somit in einen Kreislauf aus Angst davor, von außen abgewertet zu werden, Scham, Diäten und Frust.

 

Mein Bestreben (und damit reihe ich mich in eine lange Liste wunderbarer Frauen ein, die sich seit Jahren gegen Fatphobia (dt.: „Fettphobie“) einsetzen) ist es, die Begriffe „dick“, „fett“, „dick_fett“ oder auch „fat“, nicht wertend, sondern beschreibend einzusetzen. Ich erkenne also damit körperliche Merkmale, sowohl bei mir als auch bei anderen, an ohne sie auf- oder abzuwerten. Zumindest versuche ich das. Ich darf mich dabei immer wieder daran erinnern, dass auch ich selbst auf der Reise bin und mein Leben lang von Fettphobie und allen damit verbundenen, negativen Gefühlen und Verhaltensmustern geprägt worden bin, die sich nicht von Heute auf Morgen ablegen lassen.

 

Von Fat- zu -friendly

 

Im nächsten Schritt kommt das „-friendly“ zum „fat-„. Damit ist gemeint, dass es sich um eine Einstellung oder auch eine Grundhaltung handelt, die dicken Menschen gegenüber wohlgesinnt ist, die ihre Individualität und Bedürfnisse genau so wahrnehmen wie die Individualität und Bedürfnisse aller Menschen, ohne sie als „besonders“ herauszustellen.

 

In einem weiteren Schritt werden diese wahrgenommenen Bedürfnisse dann in Angebote übersetzt, die diesen Bedürfnissen gerecht werden – und zwar ohne sie als „Ausnahme“, als „Anpassung“ oder als „Extrawurst“ zu markieren, sondern als gleichwertiges Angebot zu allen anderen, parallel existierenden Angeboten.

 

Ein Definitionsversuch

 

Fatfriendly Yoga ist somit ein an den Bedürfnissen dicker Menschen orientiertes Yoga Angebot, wobei die Yogaart damit nicht näher spezifiziert werden muss. Es kann sich um Hatha- (eher statische Haltungen), Vinyasa- (eher dynamische Flows) oder auch um reine Meditationsangebote handeln. Häufig sind dabei Menschen jeder Körperform willkommen, wobei deutlich kommuniziert wird, dass es keinen Platz für „Bodyshaming“ (Beschämung aufgrund körperlicher Merkmale), Herabwürdigungen und Diskriminierungen gibt.

 

Plus Size Yoga

 

Ich persönlich verwende den Begriff „Plus Size Yoga“ meist überwiegend synonym zu „fatfriendly Yoga“. Das „Plus Size“ war zuerst da, weil es in meiner eigenen Wahrnehmung, die sich in den Bereichen Fettphobie, Diätkultur etc. auch erst Schritt für Schritt schärft, leichter zugänglich war und ich auf Anhieb ein Bild von dem hatte, was denn da angeboten wird.

 

Mittlerweile tendiere ich immer häufiger auch zu dem Begriff „fatfriendly Yoga“ – einerseits, um den Begriff „fat“, wie oben beschrieben, weg von einer Wertung hin zu einer Beschreibung zu bringen, andererseits aber auch, weil ich ihn mehr on Point finde.

Wie sieht ein fatfriendly Yoga Angebot aus?

 

Die Aspekte, die ich nachfolgend beschreibe, erheben keinen Anspruch auf Allgemeingültigkeit oder Vollständigkeit. Sie entstammen dem, was ich aus meiner eigenen Erfahrung als Yogaschülerin und auch als Yogalehrerin mitbringe und über viele Jahre hinweg erlebt und (v-)erarbeitet habe.

 

 

Körperliche Aspekte

 

Ich erlebe es häufig, dass Personen sich nicht trauen, mit Yoga zu starten, weil sie Angst haben, zu unflexibel, zu behäbig, zu dick oder „sich selbst im Weg“ zu sein. Ich kenne diese Angst, ich habe sie selbst immer und immer wieder gespürt. Im fatfriendly Yoga ist die Grundhaltung, dass es keinen Körper gibt, der sich nicht dazu eignet Yoga zu praktizieren. Mit jeder Körperform ist es möglich, Yoga auszuüben, auch deshalb, weil Yoga viel, viel mehr umfasst als nur dir Körperhaltungen (Asanas).

 

Speziell bei den Körperhaltungen werden aber Eigenschaften berücksichtigt, die dicke Körper auszeichnen.

 

So gibt es z. B. Anleitungen dazu, wie man einen dicken Bauch in eine Haltung integrieren kann oder wie man eine Haltung variieren kann, wenn sie aufgrund von dicken Oberschenkeln oder einer großen Brust nicht eingenommen werden kann – bzw. sich einfach nicht gut anfühlt.

 

Zentral dabei ist immer: Jede Haltung soll sich gut für die ausübende Person anfühlen und keine Schmerzen verursachen und:<strong> Jede Variation ist gleichwertig</strong>. Es gibt nicht die eine, perfekte „Zielhaltung“, zu der die Variation nur ein fauler Kompromiss ist. Damit wird anerkannt, dass jeder Körper unterschiedliche Bedürfnisse hat und sich an ebendiesen Bedürfnissen orientiert.

 

Ähnliches gilt auch für den Umgang mit Gelenken. Hier wird berücksichtigt, dass ein hohes Körpergewicht eine entsprechende Belastung für Gelenke darstellen kann. Dementsprechend werden die Gelenke im fatfriendly Yoga aufgewärmt, die Haltungen werden variiert (z. B. unter Zuhilfenahme allerlei Utensilien wie Blöcken, Gurte, Kissen oder auch Stühle) und die Dauer, die in der Haltung geblieben wird, ggf. angepasst.

 

Die Verwendung von Utensilien

 

Ich vermeide i. d. R. den Begriff „Hilfsmittel“, weil er suggeriert, dass es sich um eine Art Notlösung handelt oder etwas, das man braucht, weil man nicht „gut genug“ ist oder etwas nicht „gut genug“ kann. Stattdessen nutze ich meist den Begriff „Utensilien“. Dabei ist auch hier wieder ganz zentral, dass jeder Körper – ganz unabhängig von Form und Gewicht – unterschiedlich ist und unterschiedliche Bedürfnisse hat. So kommt es im Yoga häufig vor, dass etwa die Arme zu kurz sind – wofür Blöcke und ein Yogagurt ganz ausgezeichnete Begleiter sind.

 

Im fatfriendly Yoga sind sie fester Bestandteil aller (meiner) Yogastunden und kommen nicht erst dann zum Einsatz, wenn es nicht anders geht. Sie werden ganz selbstverständlich verwendet und machen es so häufig leichter, Vorbehalte gegenüber verschiedenen Haltungen abzubauen und sie stattdessen individuell erfahrbar zu machen.

 

Emotionale Aspekte

 

Yoga ist zwar viel mehr als nur das Ausführen und Halten von Körperübungen, aber gerade in Verbindung mit diesen körperlichen Aspekten kommen bei dicken Menschen häufig eine Vielzahl an Emotionen auf, zu denen unter anderem Angst, Scham, Wut, Traurigkeit, Verzweiflung, Frust und viele mehr zählen können. Für all diese Gefühle gibt es Raum in (m)einem fatfriendly Yogaangebot. Ich erkenne sie an, ich will sie nicht wegwischen. Aber ich will einen sicheren Raum kreieren und halten, in dem korrigierende Erfahrungen gemacht werden können. In denen wir ganz behutsam erfahren können, dass mit Bewegung auch Freude und Wohltun verbunden sein kann.

 

Und ich gestalte meine Wortwahl so, dass ich mich von jeglichem Leistungsgedanken verabschiede, um keine alten negativen Gefühle von Neuem aufzuwecken und es zu vermeiden, dass sie in noch einem weiteren Setting erfahren und noch weiter verfestigt werden.

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